Warum arbeitest Du als Ergotherapeut in der Praxis Zeitraum?
Als Ergotherapeut fasziniert mich die Erfahrung, mit Klient:innen gemeinsam das Vertrauen für das eigene Wissen und Handeln zu stärken. In gemeinsamen Lernprozessen können behindernde Faktoren im sozialen Umfeld und in uns selbst analysiert werden und Ziele bestimmt werden. So können eigene Handlungsmöglichkeiten erweitert werden und der Alltag befriedigender gelebt werden. Nicht selten wird die Teilhabe am sozialen Leben jedoch durch Diskriminierung und Benachteiligung behindert. Es entspricht meinem ergotherapeutischen Selbstverständnis angesichts unterschiedlicher persönlicher Voraussetzungen und strukturell diskriminierender Verhältnisse mit Klient:innen für gerechte Teilhabe zu arbeiten.
Mit der Tätigkeit in der Praxis Zeitraum erfüllt sich für mich ein Herzenswunsch. Die Herzenswärme einer solidarisch-kollegialen Gemeinschaft geprägt vom professionellen Engagement für die Klient:innen trägt mich und uns in einem intensiven Arbeitsalltag. Dabei ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit das zentrale Element sowohl mit unseren Klient:innen wie auch im Praxisteam. Dies wird durch unsere nicht-hierarchische Praxisleitung garantiert, in der Transparenz und selbstverantwortliches Handeln innovatives Arbeiten ermöglicht. Dabei verbindet uns die Erkenntnis, dass das ergotherapeutische Ziel von gerechter Teilhabe nur durch partnerschaftliche Zusammenarbeit für soziale Transformation erreicht werden kann. Für dieses Ziel konnten wir eine Kooperation mit Aline Godoy-Viera und Ana Malfitano aus Brasilien aufnehmen, die uns mit ihrem Wissen aus der Sozialen Ergotherapie in unserer praktischen Arbeit unterstützen und mit Ihrem leidenschaftlichem Engagement für gerechtere Verhältnisse empowern. Die Kooperation macht es außerdem möglich, unsere Therapie auf eine fundierte wissenschaftliche Grundlage zu stellen und die Ergebnisse wissenschaftlich auswerten.

In einem diversen Team innovative Wege in der Ergotherapie für zu beschreiten und dabei solidarisch miteinander verbunden zu sein, begeistert mich täglich aufs Neue.
Wer bist du? Wie sieht deine Arbeit aus
? Ich bin an der Ostsee aufgewachsen und habe später lange in Berlin und im Havelland gelebt. In meinem beruflichen Leben hat mich mein Wunsch, im gesunden Einklang zu leben und für gesunde und gerechte Lebensweisen zu arbeiten, immer weiter geführt.
Früh schon hat mich die Gestaltung von lebenswerten Räumen und Unterstützung von gesunden Lebensprozessen interessiert. Zugleich wollte ich verstehen, wo Ursachen für zerstörerische menschliche Praktiken liegen und wie diese überwunden werden können, um gesunde, nachhaltige und gerechte Lebensverhältnisse durchzusetzen. Dafür habe ich mich mit sozialen Theorien und Praktiken beschäftigt, Aikido als Kunst einer friedlichen Selbstverteidigung praktiziert, als Gärtner fruchtbare Biotope angelegt und gepflegt, natürliche Heilungswege erlernt und therapeutisch eingesetzt sowie körperzentrierte Lernprozesse von Klient:innen unterstützt, um das eigene Potential freier leben zu können. Zur Erweiterung meiner therapeutischen Arbeit über die Grenzen privatfinanzierter Leistungen hinaus, habe ich Ergotherapie studiert. Für das Ergotherapie Studium bin ich nach Bochum gezogen. Hier habe ich das Leben im Ruhrgebiet lieben gelernt, wo Vielfalt und solidarische Zusammenarbeit eine lange Tradition haben.
Während des Studiums wurde ich von kritischen Ansätzen der Occupational Science inspiriert, die aus machtkritischen und dekolonialen Perspektiven Betätigungsgerechtigkeit und umfassende Teilhabe als ergotherapeutische Ziele definieren. In der in Brasilien entwickelten Sozialen Ergotherapie fand ich dann nicht nur hilfreiche sozialkritische Analysen sondern auch erprobte, ergotherapeutische Praktiken für notwendige soziale Transformationen. Das Grundprinzip einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem sozialen System der Klient:innen ist für mich zugleich die von mir gesuchte Verbindung von therapeutischer Arbeit mit kollektivem Handeln gegen Benachteiligungen und für gerechte Teilhabe.
Was oder wen berührst du regelmäßig?
Berühren und Anfassen ist für mich eine elementare Verbindung mit der Welt und in der Haltung einer weiten Aufmerksamkeit eine spannende Entdeckungsreise. Meine Hände fassen gern alles an, was mich interessiert: Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle, Bäume, Erde, Steine, Wasser, Arbeit.
Was berührt dich?
Mich berührt Vielfalt, soziale Gemeinschaft und Nachhaltigkeit. Mich berührt, wenn Menschen aufstehen für eine gerechtere, lebenswerte Welt, gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Mich berührt das Staunen der Kinder. Mich berührt der Rhythmus der Meereswellen und die zielgerichtete Entschlossenheit, mit der eine kleine Seeschwalbe ihre Jungen gegen jedes Raubtier erfolgreich verteidigt.

Mich empören Verhältnisse von Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Unterdrückung. Mich empören die aktuellen entmenschlichenden Entwicklungen in Deutschland und der Welt, Abweisung von Geflüchteten und gesellschaftlichen Entwicklungen, in denen populistische Ideologien das Denken ersetzen.
Was lässt dich unberührt?
Das Argument, „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Striktes Handeln nach Konventionen ohne Überprüfung der Sinnhaftigkeit.